zurück
2. Die Schule der Menschlichkeit
Das Thema dieses Diskurses ist die "Schule der Menschlichkeit".
Der Mensch, der das einzige uns bekannte nachforschende Wesen in der
Welt ist, war immer Untersuchungen und Diskussionen unterworfen. Das Wort "Menschlichkeit" war immer mit einem Gefühl von Erhabenheit und
Heiligkeit verbunden, als von verschiedenen Gesichtspunkten aus den Tieren
überlegen, wie Wissen, Gerechtigkeit, Freiheit, Gewissen usw. Obwohl viele geheiligte Objekte der Menschheit Zweifel und sogar Ablehnung
ausgesetzt waren, ist anscheinend noch keine Denkschule so weit gegangen,
die besondere Würde des Menschen und seine Überlegenheit über andere Geschöpfe zu leugnen.
Diese Tatsache kam auf elegante Weise in den Gedichten von Rumi und Sadi
und anderen unserer Dichter zum
Ausdruck. Um dieses Thema geht es auch im größten Teil der Weltliteratur, sowohl der religiösen
als auch der nichtreligiösen, in der die Frage der Menschlichkeit und ihrer
Verherrlichung geschildert wird. Auch in der islamischen Literatur, sowohl der
persischen als auch der arabischen, finden wir viele solche Feststellungen.
In den letzten beiden Jahrhunderten ist die Menschheit mit dem großen
Fortschritt der Wissenschaft plötzlich von diesem Podest der Heiligkeit, auf
dem sie immer stand, herabgefallen. Sie fiel hörbar, denn je erhöhter
etwas ist, desto größer ist der Schaden, der durch den Fall verursacht wird. In
der Vergangenheit war die Menschheit, wie Gedichte von Hafis
und anderen Dichtern bezeugen, zum Rang von Halbgottheiten emporgehoben worden. Die
erste Entdeckung der Menschheit, die ihre Ideen revolutionierte, war
die Form des Universums. Zuvor glaubte man, die Erde sei das Zentrum des
Universums, um das sich alle Planeten und Sterne drehten. Der
wissenschaftlichen Forschung gelang der Nachweis, dass die Erde ein kleiner Planet ist, der
sich um die Sonne dreht, und dass das Sonnensystem nur ein
unbedeutender Teil des Universums ist.
Damit wurde die Position der Menschheit als Zentrum aller
Möglichkeiten und Ziel der Schöpfung Zweifeln und Skepsis ausgesetzt, und
niemand wagte mehr, für sie eine erhabene Stellung zu beanspruchen. Dann kam
ein zweiter schwerer Schlag, nämlich die Idee, der Mensch sei kein
göttliches Geschöpf mehr, und die Vorstellung vom Menschen als Gottes
Statthalter auf Erden wurde aufgegeben.
Biologische Forschung in Sachen
Evolution und Ursprung der Arten zeigte gleich die Verwandtschaft der
Menschen mit eben jenen Tieren, die Menschen verachtet und gering geschätzt
hatten. Sie zeigte ihnen, dass sie sich aus einem Affen oder dergleichen
entwickelt hatten, und somit verloren sie ihren göttlichen Ursprung. Ein weiterer
schwerer Schlag gegen das scheinbar hervorragende Spektrum von
Handlungsweisen der Menschheit, dass sie nämlich so handeln konnte, dass daraus
nur Güte und Wohltätigkeit ersichtlich werden, mit dem alleinigen
Beweggrund der Gottesliebe und ohne alle animalischen Aspekte, war die neue
These, dass der Anspruch der Menschheit auf alle Heiligkeit falsch sei und
alle Handlungen, die sie als Liebe zu Wissen, Kunst, Schönheit, Moral und
Gewissen, Gebet und Gottesdienst und allem Übernatürlichen bezeichnet
hatte, denen ähnlich seien, die auch bei Tieren zu finden sind, jedoch in
komplexeren Formen und Mechanismen. Es wurde gesagt, der Bauch sei Quelle
und Ursache aller Aktivitäten. Einige gingen so weit, zu sagen, der Bauch
sei auch die Grundlage des Denkens und Fühlens. Es gab wieder andere, die
diese Position als zu hoch ansahen und behaupteten, der Mensch stünde
noch tiefer.
Schließlich kam man zu der Schlussfolgerung, dass dieses Wesen,
das früher beansprucht hatte, göttlichen Ursprungs und entsprechend
ausgezeichnet zu sein, einer sorgfältigen Untersuchung unterzogen werden
müsse, um seine wahre Natur zu entdecken. Eine weitere Theorie wurde
entwickelt, wonach es keinen Unterschied zwischen Menschen, Pflanzen und
sogar unbelebten Dingen gibt. Es gibt natürlich einen Unterschied in
Aufbau und Form, aber nicht in der Substanz, aus der sie alle gemacht sind.
Es wurde festgestellt, dass Geist und göttlicher Atem nicht existieren,
weil das menschliche Wesen eine Maschine ist, die lediglich komplizierter
ist als andere Maschinen wie Autos, Flugzeuge und Satelliten, d. h. nur
ein mechanisches Geschöpf.
Dies war ein großer Schlag für die Menschheit, und dennoch
wurden menschliche Werte nicht völlig verdammt, außer in solchen
Denkschulen, wo Ideen wie Frieden, Freiheit, Spiritualität, Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit als Scherz betrachtet wurden. Seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts hat die Menschlichkeit jedoch in philosophischen Schulen wie den
humanistischen und anthroposophischen Schulen erneut Aufmerksamkeit gewonnen.
In der Vergangenheit war der Mensch nur ein Zeichen der Spiritualität,
und der Qur'an
spricht vom Menschen als dem würdigsten Wesen, durch das Gott erkannt werden kann.
Jetzt versucht der Mensch, seine frühere Würde und Heiligkeit
wiederzugewinnen, aber ohne die Übernahme früherer Kriterien und ohne Rücksicht auf seinen göttlichen oder nichtgöttlichen Aspekt oder die im
Qur'an aufgeführten Punkte, dass alles auf Erden für ihn geschaffen ist und Gott ihm
von seinem Geist eingehaucht hat, um ihn zu einer Manifestation
seiner selbst zu machen. [1]
Von den oben erwähnten Angelegenheiten ist keine Rede mehr,
nicht einmal von einer Erörterung innerer menschlicher Beweggründe, sondern
lediglich von einem Glauben an die Heiligkeit der Menschheit und ihrer
Intelligenz. Jetzt stellen wir fest, dass alle Denkschulen und selbst die
Menschenrechtserklärung ihre Ansprüche mit "Respekt vor der angeborenen Menschenwürde" einleiten. Sie sagen dies, um ihre Bildung auf dieser Grundlage aufzubauen, und obwohl jedes Individuum in der Lage ist, die
Rechte anderer zu verletzen, soll dieser Respekt vor der Würde und Heiligkeit
der Menschheit solche Verletzungen eingrenzen. Die meisten
derjenigen, die der humanistischen Philosophie folgen, haben andere Kriterien als in
der Vergangenheit.
Die Schwierigkeit liegt allerdings in eben diesem Widerspruch im Leben, Denken und in der Logik der heutigen Menschheit, einer
Logik, der die Grundlage fehlt. Ich glaube nicht, dass es in der Welt
Gelehrte gibt, die eine humanitäre Lebenseinstellung als universalen Frieden
interpretieren würden. Es gibt natürlich gewöhnliche Menschen, die glauben,
alle Menschen in der Welt seien gleich und gleichwertig. Dies stimmt jedoch
nicht.
Einer ist gelehrt, ein anderer unwissend; einer ist tugendhaft,
ein anderer lasterhaft; einer ist tyrannisch, ein anderer unterdrückt; einer
ist wohltätig, ein anderer boshaft. Sollen wir sie ungeachtet ihres Wissens,
ihres Glaubens, ihrer Keuschheit und ihrer Wohltätigkeit von einem menschlichen
Standpunkt aus alle als gleich ansehen? Wenn wir dies sagen, verraten wir
die Menschlichkeit.
Ich möchte ein Beispiel anführen. Sowohl A als
auch B sind Menschen, die biologisch ähnlich sind. Wenn man einen von beiden
nicht mag, hat das nichts mit seiner Blutgruppe zu tun. Wenn man
jedoch Humanist ist, kann man den beiden gegenüber nicht indifferent sein und
behaupten, sie seien gleich menschlich, denn dann müsste man beide
gleichermaßen mögen oder nicht mögen. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn der
Hauptunterschied zwischen Menschen und Tieren liegt darin, dass der Mensch über mehr Potential verfügt als Tiere und weniger tatsächliche
Gegebenheiten.
Was bedeutet das? Ein Pferd besitzt bei seiner Geburt alle
Besonderheiten, die ein Pferd haben sollte, und wenn es weniger hat als dies,
kann es durch Übung erworben werden. Ein Mensch hat jedoch bei der Geburt nur
ein Potential. Es ist nicht bekannt, was aus ihm in Zukunft wird.
Die Gestalt ist menschlich, aber diese Person kann in Wirklichkeit ein Wolf oder
ein Schaf oder ein Mensch werden.
Im Hinblick auf den Irrtum der Menschen, die die Menschen in
allem als gleich ansehen, sagt der große islamische Philosoph Mulla
Sadra, dass es so viele Arten von Individuen gibt wie Individuen vorhanden sind.
Er betrachtet den Menschen natürlich philosophisch, nicht biologisch. Ein
Biologe widmet seine Aufmerksamkeit den menschlichen Organen und
Körperteilen, während sich ein Philosoph auf die Eigenschaften des Menschen
konzentriert und somit nicht glauben kann, dass alle Menschen von derselben
Art sind. Aus diesem Grunde sind menschliche Werte ein Potential.
Einige erringen die Höhen der Menschlichkeit, während anderen dies nicht
gelingt.
Hadrat Ali (a.s.) sagt dazu: "Die Gestalt ist
menschlich, aber das Gemüt kann eine Bestie sein."
Nicht bei allen Individuen entspricht das Innere dem Äußeren.
Wie zuvor erwähnt kehrt die Welt weitgehend wieder zur Schule der
Menschlichkeit zurück, d. h. Philosophien der "Menschlichkeit" sind in
Erscheinung getreten; und die eigenartigste von ihnen allen ist der Glaube an die
Menschlichkeit, den Auguste Comte in der Mitte des 19. Jahrhunderts begründete. Dieser Mensch schwankte zwischen seinem Intellekt und Geist
einerseits und seinem Herzen und Gewissen andererseits und kam zu der
Schlussfolgerung, dass der Mensch einen Glauben braucht, dessen Fehlen zu
gesellschaftlichen Entartungen aller Art führt. Seiner Ansicht nach genügt der modernen Menschheit die Religion der Vergangenheit (der
Katholizismus) nicht. Er beschreibt drei Stadien der Religion: das Stadium des
göttlichen Übernatürlichen, das Stadium der philosophischen Argumentation
und das positive wissenschaftliche Stadium. Er sagt, der Katholizismus
gehöre dem auf das übernatürliche Denken des Menschen bezogenen Stadium an,
und dies sei für den Menschen des wissenschaftlichen Zeitalters
nicht annehmbar.
Seiner erfundenen Religion fehlte jedoch eine geheime Wurzel,
aber er akzeptierte alle Traditionen und Riten, die zuvor existierten,
und zog sogar Priester seiner neuen Religion in Erwägung, wobei er sich selbst
als ihren Propheten sah, aber als einen Propheten ohne Gott. Man sagt von
ihm, er hätte seine Riten vom Katholizismus übernommen, und dafür wurde
er kritisiert, denn er glaubte nicht an diese Religion, imitierte und übernahm
jedoch ihre Zeremonien und Traditionen. In einer Hinsicht hatte er
recht, dass nämlich der Mensch Gottesdienst und Hingabe ebenso braucht wie die
Ausübung einer Reihe von Riten.
Eine der Fragen hinsichtlich des Menschen ist Freiheit und
Verantwortlichkeit. Ist der Mensch wirklich frei und unabhängig, oder hat er eine
Verantwortlichkeit und einen Auftrag? Nach dem Qur'an
ist der Mensch keinem Zwang vor Gott ausgesetzt. Im Gegenteil, der Mensch ist als
freies Wesen erschaffen, mit einer festgesetzten Verantwortung und Aufgabe.
Der Heilige Qur'an
bezeichnet den Menschen als Statthalter Gottes, eine Heiligkeit, die kein Heiliges Buch je dem Menschen verliehen hat. Gott spricht
im Qur‘an:
"Und als dein Herr zu den Engeln sprach: 'Ich will auf Erden
einen Statthalter einsetzen', sagten sie: 'Willst du dort einen einsetzen, der
Unheil stiftet und Blut vergießt...' Er aber erwiderte: 'Ich weiß, was ihr
nicht wisst!'" [2:288]
All dies ist ein Beweis für die Fähigkeiten
und Möglichkeiten des Menschen. Man sieht also, dass der Islam, der eine Schule
der Menschlichkeit ist, von einem philosophischen Standpunkt her an
die erhabene Stellung des Menschen glaubt. Der Qur'an
sagt außerdem, dass Gott den Menschen die Namen aller Dinge lehrte. [2]
Dann erwies sich dieser mit diesem Wissen als den Engeln überlegen, und Gott tadelte die
Engel wegen dessen, was sie über die Menschlichkeit nicht wussten, und
während sie den Menschen für ein Geschöpf des Zornes und der Begierde hielten,
hatten sie die andere Seite seines Charakters ignoriert. Die Engel
gestanden ihre Unwissenheit ein und baten ihn um Vergebung. Dann forderte Gott die Engel auf, sich vor seinem Geschöpf niederzuwerfen.
[3]
Die höchste Interpretation, die dieses Gebot erfahren kann, um die Aufgabe, Freiheit und
Wahlmöglichkeit des Menschen zu zeigen, ist die, dass Gott ihn zum Statthalter
und Nachfolger seiner Selbst macht. Gott ist der Schöpfer, und hier
überträgt er etwas von seiner Schöpferkraft auf den Menschen, damit dieser
davon profitiert.
Eine andere Frage hinsichtlich des Menschen bezieht sich auf
sein Glück und seine Freude. Ich sage kurz, dass der Mensch nach Freude
strebt. Wo ist diese zu finden? Liegt sie innerhalb des Selbst oder außerhalb,
oder sowohl innerhalb als auch außerhalb und wenn ja in welchem Verhältnis?
Diejenigen, die ihre Aufmerksamkeit auf Quellen außerhalb ihrer Selbst
konzentrieren in der irrtümlichen Annahme, dies sei die ganze Lebensfreude,
sind nicht in der Lage gewesen, sich selbst als Menschen zu erkennen. Sie
können ihr inneres Leben nicht als Quelle der Freude und des Glücks
betrachten. Ihre Begeisterung liegt im Weinglas und im Vergnügen.
Wie treffend beschreibt doch Rumi eine Person, die dem Trinken ergeben ist, und weist sie zur Rechtschaffenheit und weg vom Übel, indem
er sagt: "Du bist das Symbol der Existenz, warum strebst du nach Vernichtung?
Du, der du ein Ozean bist, was willst du werden? Warum verschuldest du dich dem
Wein?"
Er fährt fort zu sagen, dass der Mensch die Substanz ist und die
Welt die Form. Es ist gleichermaßen falsch, alle äußeren Dinge abzulehnen
und ins andere Extrem zu gehen, indem man meint, alle Freude müsse
innerlich gesucht werden. Wir finden eine solche Übertreibung in einigen
Gedichten Rumis,
wo er sagt: "Sieh, der Weg der Freude ist innerlich, nicht äußerlich; und
bedenke, dass es unsinnig ist, Bräuche und Traditionen zu verlassen. Mancher ist
glücklich und berauscht in einer Gefängnisecke, manch' anderer ist in seinem
Garten voller Kummer."
Er meint nicht, dass alle äußerlichen Dinge beiseite gelassen
werden sollten, aber gleichzeitig sollte man nicht meinen, dass alle Freude in
materiellen Dingen zu finden sei. Das Selbst ist das Zentrum der Freude, und
zwischen dem Inneren und Äußeren sollte ein Gleichgewicht bestehen.
Vieles gibt es über den Menschen zu sagen. Die Denkschule, die
sich als menschlich betrachtet, sollte in der Lage sein, gewisse Fragen
zu beantworten, um als wirklich humane Schule akzeptiert zu werden. Der Mensch
wurde als das Tor der Spiritualität angesehen, d. h. man kann die
spirituelle Welt durch das eigene Wesen entdecken. Spiritualität und
Menschlichkeit oder Religion und Menschlichkeit sind zwei voneinander untrennbare
Dinge. Wir können nicht das eine davon akzeptieren und das andere
vernachlässigen.
Der Widerspruch, der, wie wir behaupten, in verschiedenen
wahrhaft humanistischen Schulen liegt, besteht darin, dass der Niedergang der
Menschlichkeit, besonders durch eine Veränderung der ptolemäischen Astronomie, uns nicht an der erhabenen Stellung des Menschen als Ziel im
Verlauf der Schöpfung zweifeln lassen sollte. Der Mensch ist das Ziel des
Universums, ob die Erde das universale Zentrum ist oder nicht. Was bedeutet
nun der Ausdruck "Ziel des Universums"? Er besagt, dass sich die Natur
in ihrem evolutionären Lauf in eine bestimmte Richtung bewegt, ob wir den
Menschen als spontan erschaffen betrachten oder als eine Fortführung
anderer Arten. Es macht für diesen Prozess keinen Unterschied, ob wir
der Ansicht sind, dass er einen göttlichen Geist besitzt, oder nicht.
Gott spricht: "Wenn ich ... ihm meinen Geist eingehaucht habe..."
[15:29]
Er hat nicht gesagt, der Mensch sei die Gattung Gottes. Wenn er
gesagt hätte, die Substanz, aus der der Mensch erschaffen ist, stamme
aus einer anderen Welt, dann wäre der Mensch ein erhabenes und heiliges
Wesen. Denjenigen von Ihnen, deren Philosophie humanistisch ist,
stellen wir die Frage: Gibt es im Menschen ein Gefühl, das als Wohltätigkeit,
Güte oder Dienstbereitschaft bezeichnet werden kann, oder nicht? Wenn Sie
sagen, dass es so etwas nicht gibt, dann wäre es ebenso sinnlos, dem
Menschen eine solche Eigenschaft zuzuschreiben, wie ihn als Stein oder als
Tier zu bezeichnen.
Der Mensch hat jedoch Gefühl. Was für ein Gefühl? Mancher sagt vielleicht, das Gefühl der Dienstbereitschaft sei eine Art
Ersatz. Was bedeutet das? Wenn wir etwas erleben und unser humanistisches Gefühl
angeblich erweckt wird, hinzugehen und die Unterdrückten zu beraten, ihnen
zu dienen und sie zu retten, wird uns gesagt, dass wir, wenn wir tiefer
darüber nachdenken, uns als Menschen in ihre Lage versetzen, indem wir uns zuerst
vorstellen, sie gehörten unserer Gruppe an, oder unsere Gruppe sei mit ihnen verknüpft, und dann setzen wir uns an ihre Stelle. Danach wird
das Gefühl des Eigeninteresses, das uns die Selbstverteidigung ermöglicht,
erweckt, um die Unterdrückten zu verteidigen; ansonsten gibt es keine echtes
Gefühl im Menschen, eine unterdrückte Person direkt zu verteidigen.
Die Schule der Menschlichkeit muss zunächst die Frage
beantworten, ob ein solches Gefühl im Menschen existiert oder nicht. Wir
antworten, dass es existiert, weil er zum Statthalter Gottes [4]
ernannt worden ist, und als
Manifestation der göttlichen Großzügigkeit und Güte. Das bedeutet, dass der Mensch, während er in seinem Eigennutz verpflichtet ist, für
sein Überleben aktiv zu werden, doch nicht in der Gesamtheit seiner Existenz
eigennützig ist. Der Mensch verfügt auch über Wohltätigkeit, Menschlichkeit,
Aufbaufähigkeit für die Welt und ein moralisches Gewissen. Als ich vor einiger
Zeit in Schiraz war, wurde ich einer Organisation vorgestellt, die
sich als "Glückliche Organisation" bezeichnete und aus Individuen mit Gefühl und
persönlichem Glauben und einer Gruppe von Taubstummen bestand. Ich besuchte eine ihrer Unterrichtsveranstaltungen. Für uns anspruchsvollen
Leute wäre es erschöpfend, auch nur eine Stunde in einer solchen Klasse zu
verbringen und sie und ihre eigenartige Zeichensprache zu beobachten. Ihr
Lehrer zeigte viel Interesse und Sympathie für diese Kinder, obwohl sein
Gehalt geringer war als das eines Grundschullehrers, denn dieser Organisation
fehlten die Mittel. Er lehrte sie Schreiben und brachte ihnen mit viel
Aufwand und Mühe die Bedeutung von Wörtern nahe. Was ist dieses Gefühl im
Menschen?
Es ist die Manifestation der Menschlichkeit und ihrer
Wahrhaftigkeit. Was ist im Allgemeinen das Lob für den Guten und die Abscheu vor dem
Krankhaften, selbst wenn sie der fernen Vergangenheit zugehören? Wenn wir die Namen von Yazid
und Pimr
hören und uns an ihre Bosheit und Verbrechen erinnern, und wenn andererseits die Namen der Märtyrer von
Kerbala erwähnt werden, dann haben wir ein Gefühl der Abscheu der ersten Gruppe gegenüber und ein Gefühl der Bewunderung und des Respekts
gegenüber letzteren. Was ist der Grund dafür? Ist es ein Klassengefühl,
das uns veranlasst, uns selbst als der Gruppe der Märtyrer von Kerbala zugehörig
anzusehen und Yazid
und Pimr
so zu verabscheuen, wie wir unsere Feinde verabscheuen?
Projizieren wir unsere Gefühle der Zuneigung und des Hasses auf die jeweilige Gruppe, während in Wirklichkeit beide mit uns
verbunden sind? Wenn dies der Fall ist, dann ist die Person, die man als
seinen Feind ansieht, nichts anderes als man selbst. Ihrerseits hat sie das
Recht, diejenigen zu loben, die man verabscheut, und diejenigen zu hassen, die man
lobt.
Im Gegensatz dazu kann man dies von einer anderen Perspektive
aus betrachten, die nicht persönlich und individuell, sondern auf die ganze Menschheit bezogen ist, wo es nicht um persönliche Antipathie,
sondern um die Wahrheit geht. Hier ist die eigene Verbindung zu den Märtyrern im Lob bzw. in der Abscheu gegenüber deren Feinden nicht persönlicher
sondern allgemeiner und universaler Natur.
Die Schule der Menschlichkeit muss eine Antwort darauf geben,
was diese Gefühle sind und woher sie stammen sowie auf solche
Themenbereiche wie die ehrliche Liebe und Dankbarkeit des Menschen gegenüber
jemanden, der ihm Gutes getan hat. Wenn die Echtheit der menschlichen Werte
entdeckt wird, dann stellen sich auch die Fragen nach dem Menschen. Ist
der Mensch, der diese wahren Qualitäten hat, dieselbe Person, von der der
Materialismus spricht? Ist diese Person eine Maschine, ein Satellit? Eine
Maschine, wie groß auch immer, ist nur groß. Wenn eine Maschine tausendmal
größer als ein Raumschiff gebaut wird, was könnten wir dazu sagen? Wir
könnten sagen, es sei groß, erstaunlich und außergewöhnlich, aber nicht edel
oder heilig.
Selbst wenn es millionenfach größer wäre und aus einer Milliarde
Einzelteilen bestehen würde, könnte es zwar als außergewöhnlich, nicht jedoch als edel, heilig oder verehrungswürdig bezeichnet werden. Wie
können die Menschenrechtserklärung und die kommunistischen Philosophen, die
die menschliche Wirklichkeit in verschiedener Form unterstützen, von
inhärenter Würde und Heiligkeit des Menschen sprechen, ohne Gottes Wort zu
beachten, das besagt: "Wir hauchten ihm von unserem
Geist ein"?
Wenn sie die Echtheit dieser Werte bestätigen, dann können sie die
Echtheit des Menschen selbst bestätigen. Angenommen, wir erkennen diese Echtheit des Menschen: ist es
lediglich der Mensch, der in diesem Universum existiert, das sich in
unendlicher Dunkelheit befindet? Ist der Mensch, wie ein Europäer sagt, nur
ein Schweißtropfen in einem Giftmeer, das zufällig erschaffen wurde?
Oder ist der Mensch ein Tropfen Süßwasser in einem süßen Ozean? Repräsentiert
dieses kleine Licht das universelle Licht? Hier wird die Beziehung der
Echtheit des Menschen bei Gott deutlich, denn sie beide sind untrennbar. In dem
Satz im Heiligen Qur'an: "Gott ist das Licht der Himmel und der Erde." [24:35]
bezeichnet das Wort Gott nicht das, was Aristoteles Erste
Ursache nennt, denn das ist etwas anderes als der Gott des Islam. Sein Gott ist
dem Universum fremd und von ihm getrennt. Was jedoch den Gott des Islam
betrifft, so gibt der Satz: "Er ist der Erste und der Letzte, der Innere
und der Äußere" [57:3] wenn man ihn hört, gleich ein ganz anderes Weltbild wieder. Dann
versteht man die Bedeutung aller echten Qualitäten in sich selbst und
erkennt, dass es ein Ziel gibt. Man wird sehen, dass wenn man ein Lichtstrahl
ist, eine ganze Welt von Licht existiert, und wenn man ein Tropfen Süßwasser
ist, dann deswegen, weil ein unendlicher Ozean von Süßwasser existiert,
und ein Strahl seines Lichts ist in jedem. Der Islam ist eine auf
menschlichen Kriterien begründete humanistische Schule.
Nichts darin ist auf falscher
Diskriminierung zwischen Menschen begründet. Im Islam existiert weder Land noch Rasse noch Blut noch Gebiet noch Sprache. Diese Dinge sind
kein Beweis und Kriterium für einen Vorzug des Menschen. Das
Kriterium im Islam sind jene menschlichen Werte. Wenn er diese Werte
respektiert, liegt es daran, dass er an die Echtheit des Menschen und des
Universums, d. h. an Gott, den Allmächtigen, glaubt. Darum ist der Islam die einzige
humanistische Schule, die auf einer ordentlichen Logik begründet ist, und es
gibt keine andere derartige Schule in der Welt.
-
Vgl. Sure Fussilat,
Vers 53; Sure al-Wariyat,
Verse 20 und 21; Sure al-Baqara, Vers 29; Sure al-Hijr,
Vers 9
-
Vgl. al-Baqara, Vers 31
-
Vgl. al-Baqara,
Vers 32
-
Vgl. Sure al-Pams, Vers 8
weiter -
Spirituelle Freiheit
nach oben
|