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2. Die Schule der Menschlichkeit

Das Thema dieses Diskurses ist die "Schule der Menschlichkeit". Der Mensch, der das einzige uns bekannte nachforschende Wesen in der Welt ist, war immer Untersuchungen und Diskussionen unterworfen. Das Wort "Menschlichkeit" war immer mit einem Gefühl von Erhabenheit und Heiligkeit verbunden, als von verschiedenen Gesichtspunkten aus den Tieren überlegen, wie Wissen, Gerechtigkeit, Freiheit, Gewissen usw. Obwohl viele geheiligte Objekte der Menschheit Zweifel und sogar Ablehnung ausgesetzt waren, ist anscheinend noch keine Denkschule so weit gegangen, die besondere Würde des Menschen und seine Überlegenheit über andere Geschöpfe zu leugnen.

Diese Tatsache kam auf elegante Weise in den Gedichten von Rumi und Sadi und anderen unserer Dichter zum Ausdruck. Um dieses Thema geht es auch im größten Teil der Weltliteratur, sowohl der religiösen als auch der nichtreligiösen, in der die Frage der Menschlichkeit und ihrer Verherrlichung geschildert wird. Auch in der islamischen Literatur, sowohl der persischen als auch der arabischen, finden wir viele solche Feststellungen.

In den letzten beiden Jahrhunderten ist die Menschheit mit dem großen Fortschritt der Wissenschaft plötzlich von diesem Podest der Heiligkeit, auf dem sie immer stand, herabgefallen. Sie fiel hörbar, denn je erhöhter etwas ist, desto größer ist der Schaden, der durch den Fall verursacht wird. In der Vergangenheit war die Menschheit, wie Gedichte von Hafis und anderen Dichtern bezeugen, zum Rang von Halbgottheiten emporgehoben worden. Die erste Entdeckung der Menschheit, die ihre Ideen revolutionierte, war die Form des Universums. Zuvor glaubte man, die Erde sei das Zentrum des Universums, um das sich alle Planeten und Sterne drehten. Der wissenschaftlichen Forschung gelang der Nachweis, dass die Erde ein kleiner Planet ist, der sich um die Sonne dreht, und dass das Sonnensystem nur ein unbedeutender Teil des Universums ist.

Damit wurde die Position der Menschheit als Zentrum aller Möglichkeiten und Ziel der Schöpfung Zweifeln und Skepsis ausgesetzt, und niemand wagte mehr, für sie eine erhabene Stellung zu beanspruchen. Dann kam ein zweiter schwerer Schlag, nämlich die Idee, der Mensch sei kein göttliches Geschöpf mehr, und die Vorstellung vom Menschen als Gottes Statthalter auf Erden wurde aufgegeben.

Biologische Forschung in Sachen Evolution und Ursprung der Arten zeigte gleich die Verwandtschaft der Menschen mit eben jenen Tieren, die Menschen verachtet und gering geschätzt hatten. Sie zeigte ihnen, dass sie sich aus einem Affen oder dergleichen entwickelt hatten, und somit verloren sie ihren göttlichen Ursprung. Ein weiterer schwerer Schlag gegen das scheinbar hervorragende Spektrum von Handlungsweisen der Menschheit, dass sie nämlich so handeln konnte, dass daraus nur Güte und Wohltätigkeit ersichtlich werden, mit dem alleinigen Beweggrund der Gottesliebe und ohne alle animalischen Aspekte, war die neue These, dass der Anspruch der Menschheit auf alle Heiligkeit falsch sei und alle Handlungen, die sie als Liebe zu Wissen, Kunst, Schönheit, Moral und Gewissen, Gebet und Gottesdienst und allem Übernatürlichen bezeichnet hatte, denen ähnlich seien, die auch bei Tieren zu finden sind, jedoch in komplexeren Formen und Mechanismen. Es wurde gesagt, der Bauch sei Quelle und Ursache aller Aktivitäten. Einige gingen so weit, zu sagen, der Bauch sei auch die Grundlage des Denkens und Fühlens. Es gab wieder andere, die diese Position als zu hoch ansahen und behaupteten, der Mensch stünde noch tiefer.

Schließlich kam man zu der Schlussfolgerung, dass dieses Wesen, das früher beansprucht hatte, göttlichen Ursprungs und entsprechend ausgezeichnet zu sein, einer sorgfältigen Untersuchung unterzogen werden müsse, um seine wahre Natur zu entdecken. Eine weitere Theorie wurde entwickelt, wonach es keinen Unterschied zwischen Menschen, Pflanzen und sogar unbelebten Dingen gibt. Es gibt natürlich einen Unterschied in Aufbau und Form, aber nicht in der Substanz, aus der sie alle gemacht sind. Es wurde festgestellt, dass Geist und göttlicher Atem nicht existieren, weil das menschliche Wesen eine Maschine ist, die lediglich komplizierter ist als andere Maschinen wie Autos, Flugzeuge und Satelliten, d. h. nur ein mechanisches Geschöpf.

Dies war ein großer Schlag für die Menschheit, und dennoch wurden menschliche Werte nicht völlig verdammt, außer in solchen Denkschulen, wo Ideen wie Frieden, Freiheit, Spiritualität, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als Scherz betrachtet wurden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Menschlichkeit jedoch in philosophischen Schulen wie den humanistischen und anthroposophischen Schulen erneut Aufmerksamkeit gewonnen. In der Vergangenheit war der Mensch nur ein Zeichen der Spiritualität, und der Qur'an spricht vom Menschen als dem würdigsten Wesen, durch das Gott erkannt werden kann.

Jetzt versucht der Mensch, seine frühere Würde und Heiligkeit wiederzugewinnen, aber ohne die Übernahme früherer Kriterien und ohne Rücksicht auf seinen göttlichen oder nichtgöttlichen Aspekt oder die im Qur'an aufgeführten Punkte, dass alles auf Erden für ihn geschaffen ist und Gott ihm von seinem Geist eingehaucht hat, um ihn zu einer Manifestation seiner selbst zu machen. [1]

Von den oben erwähnten Angelegenheiten ist keine Rede mehr, nicht einmal von einer Erörterung innerer menschlicher Beweggründe, sondern lediglich von einem Glauben an die Heiligkeit der Menschheit und ihrer Intelligenz. Jetzt stellen wir fest, dass alle Denkschulen und selbst die Menschenrechtserklärung ihre Ansprüche mit "Respekt vor der angeborenen Menschenwürde" einleiten. Sie sagen dies, um ihre Bildung auf dieser Grundlage aufzubauen, und obwohl jedes Individuum in der Lage ist, die Rechte anderer zu verletzen, soll dieser Respekt vor der Würde und Heiligkeit der Menschheit solche Verletzungen eingrenzen. Die meisten derjenigen, die der humanistischen Philosophie folgen, haben andere Kriterien als in der Vergangenheit.

Die Schwierigkeit liegt allerdings in eben diesem Widerspruch im Leben, Denken und in der Logik der heutigen Menschheit, einer Logik, der die Grundlage fehlt. Ich glaube nicht, dass es in der Welt Gelehrte gibt, die eine humanitäre Lebenseinstellung als universalen Frieden interpretieren würden. Es gibt natürlich gewöhnliche Menschen, die glauben, alle Menschen in der Welt seien gleich und gleichwertig. Dies stimmt jedoch nicht.

Einer ist gelehrt, ein anderer unwissend; einer ist tugendhaft, ein anderer lasterhaft; einer ist tyrannisch, ein anderer unterdrückt; einer ist wohltätig, ein anderer boshaft. Sollen wir sie ungeachtet ihres Wissens, ihres Glaubens, ihrer Keuschheit und ihrer Wohltätigkeit von einem menschlichen Standpunkt aus alle als gleich ansehen? Wenn wir dies sagen, verraten wir die Menschlichkeit.

Ich möchte ein Beispiel anführen. Sowohl A als auch B sind Menschen, die biologisch ähnlich sind. Wenn man einen von beiden nicht mag, hat das nichts mit seiner Blutgruppe zu tun. Wenn man jedoch Humanist ist, kann man den beiden gegenüber nicht indifferent sein und behaupten, sie seien gleich menschlich, denn dann müsste man beide gleichermaßen mögen oder nicht mögen. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn der Hauptunterschied zwischen Menschen und Tieren liegt darin, dass der Mensch über mehr Potential verfügt als Tiere und weniger tatsächliche Gegebenheiten.

Was bedeutet das? Ein Pferd besitzt bei seiner Geburt alle Besonderheiten, die ein Pferd haben sollte, und wenn es weniger hat als dies, kann es durch Übung erworben werden. Ein Mensch hat jedoch bei der Geburt nur ein Potential. Es ist nicht bekannt, was aus ihm in Zukunft wird. Die Gestalt ist menschlich, aber diese Person kann in Wirklichkeit ein Wolf oder ein Schaf oder ein Mensch werden.

Im Hinblick auf den Irrtum der Menschen, die die Menschen in allem als gleich ansehen, sagt der große islamische Philosoph Mulla Sadra, dass es so viele Arten von Individuen gibt wie Individuen vorhanden sind. Er betrachtet den Menschen natürlich philosophisch, nicht biologisch. Ein Biologe widmet seine Aufmerksamkeit den menschlichen Organen und Körperteilen, während sich ein Philosoph auf die Eigenschaften des Menschen konzentriert und somit nicht glauben kann, dass alle Menschen von derselben Art sind. Aus diesem Grunde sind menschliche Werte ein Potential. Einige erringen die Höhen der Menschlichkeit, während anderen dies nicht gelingt.

Hadrat Ali (a.s.) sagt dazu: "Die Gestalt ist menschlich, aber das Gemüt kann eine Bestie sein."

Nicht bei allen Individuen entspricht das Innere dem Äußeren. Wie zuvor erwähnt kehrt die Welt weitgehend wieder zur Schule der Menschlichkeit zurück, d. h. Philosophien der "Menschlichkeit" sind in Erscheinung getreten; und die eigenartigste von ihnen allen ist der Glaube an die Menschlichkeit, den Auguste Comte in der Mitte des 19. Jahrhunderts begründete. Dieser Mensch schwankte zwischen seinem Intellekt und Geist einerseits und seinem Herzen und Gewissen andererseits und kam zu der Schlussfolgerung, dass der Mensch einen Glauben braucht, dessen Fehlen zu gesellschaftlichen Entartungen aller Art führt. Seiner Ansicht nach genügt der modernen Menschheit die Religion der Vergangenheit (der Katholizismus) nicht. Er beschreibt drei Stadien der Religion: das Stadium des göttlichen Übernatürlichen, das Stadium der philosophischen Argumentation und das positive wissenschaftliche Stadium. Er sagt, der Katholizismus gehöre dem auf das übernatürliche Denken des Menschen bezogenen Stadium an, und dies sei für den Menschen des wissenschaftlichen Zeitalters nicht annehmbar.

Seiner erfundenen Religion fehlte jedoch eine geheime Wurzel, aber er akzeptierte alle Traditionen und Riten, die zuvor existierten, und zog sogar Priester seiner neuen Religion in Erwägung, wobei er sich selbst als ihren Propheten sah, aber als einen Propheten ohne Gott. Man sagt von ihm, er hätte seine Riten vom Katholizismus übernommen, und dafür wurde er kritisiert, denn er glaubte nicht an diese Religion, imitierte und übernahm jedoch ihre Zeremonien und Traditionen. In einer Hinsicht hatte er recht, dass nämlich der Mensch Gottesdienst und Hingabe ebenso braucht wie die Ausübung einer Reihe von Riten.

Eine der Fragen hinsichtlich des Menschen ist Freiheit und Verantwortlichkeit. Ist der Mensch wirklich frei und unabhängig, oder hat er eine Verantwortlichkeit und einen Auftrag? Nach dem Qur'an ist der Mensch keinem Zwang vor Gott ausgesetzt. Im Gegenteil, der Mensch ist als freies Wesen erschaffen, mit einer festgesetzten Verantwortung und Aufgabe. Der Heilige Qur'an bezeichnet den Menschen als Statthalter Gottes, eine Heiligkeit, die kein Heiliges Buch je dem Menschen verliehen hat. Gott spricht im Qur‘an:

"Und als dein Herr zu den Engeln sprach: 'Ich will auf Erden einen Statthalter einsetzen', sagten sie: 'Willst du dort einen einsetzen, der Unheil stiftet und Blut vergießt...' Er aber erwiderte: 'Ich weiß, was ihr nicht wisst!'" [2:288]

All dies ist ein Beweis für die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen. Man sieht also, dass der Islam, der eine Schule der Menschlichkeit ist, von einem philosophischen Standpunkt her an die erhabene Stellung des Menschen glaubt. Der Qur'an sagt außerdem, dass Gott den Menschen die Namen aller Dinge lehrte. [2] Dann erwies sich dieser mit diesem Wissen als den Engeln überlegen, und Gott tadelte die Engel wegen dessen, was sie über die Menschlichkeit nicht wussten, und während sie den Menschen für ein Geschöpf des Zornes und der Begierde hielten, hatten sie die andere Seite seines Charakters ignoriert. Die Engel gestanden ihre Unwissenheit ein und baten ihn um Vergebung. Dann forderte Gott die Engel auf, sich vor seinem Geschöpf niederzuwerfen. [3]

Die höchste Interpretation, die dieses Gebot erfahren kann, um die Aufgabe, Freiheit und Wahlmöglichkeit des Menschen zu zeigen, ist die, dass Gott ihn zum Statthalter und Nachfolger seiner Selbst macht. Gott ist der Schöpfer, und hier überträgt er etwas von seiner Schöpferkraft auf den Menschen, damit dieser davon profitiert.

Eine andere Frage hinsichtlich des Menschen bezieht sich auf sein Glück und seine Freude. Ich sage kurz, dass der Mensch nach Freude strebt. Wo ist diese zu finden? Liegt sie innerhalb des Selbst oder außerhalb, oder sowohl innerhalb als auch außerhalb und wenn ja in welchem Verhältnis? Diejenigen, die ihre Aufmerksamkeit auf Quellen außerhalb ihrer Selbst konzentrieren in der irrtümlichen Annahme, dies sei die ganze Lebensfreude, sind nicht in der Lage gewesen, sich selbst als Menschen zu erkennen. Sie können ihr inneres Leben nicht als Quelle der Freude und des Glücks betrachten. Ihre Begeisterung liegt im Weinglas und im Vergnügen.

Wie treffend beschreibt doch Rumi eine Person, die dem Trinken ergeben ist, und weist sie zur Rechtschaffenheit und weg vom Übel, indem er sagt: "Du bist das Symbol der Existenz, warum strebst du nach Vernichtung? Du, der du ein Ozean bist, was willst du werden? Warum verschuldest du dich dem Wein?"

Er fährt fort zu sagen, dass der Mensch die Substanz ist und die Welt die Form. Es ist gleichermaßen falsch, alle äußeren Dinge abzulehnen und ins andere Extrem zu gehen, indem man meint, alle Freude müsse innerlich gesucht werden. Wir finden eine solche Übertreibung in einigen Gedichten Rumis, wo er sagt: "Sieh, der Weg der Freude ist innerlich, nicht äußerlich; und bedenke, dass es unsinnig ist, Bräuche und Traditionen zu verlassen. Mancher ist glücklich und berauscht in einer Gefängnisecke, manch' anderer ist in seinem Garten voller Kummer."

Er meint nicht, dass alle äußerlichen Dinge beiseite gelassen werden sollten, aber gleichzeitig sollte man nicht meinen, dass alle Freude in materiellen Dingen zu finden sei. Das Selbst ist das Zentrum der Freude, und zwischen dem Inneren und Äußeren sollte ein Gleichgewicht bestehen.

Vieles gibt es über den Menschen zu sagen. Die Denkschule, die sich als menschlich betrachtet, sollte in der Lage sein, gewisse Fragen zu beantworten, um als wirklich humane Schule akzeptiert zu werden. Der Mensch wurde als das Tor der Spiritualität angesehen, d. h. man kann die spirituelle Welt durch das eigene Wesen entdecken. Spiritualität und Menschlichkeit oder Religion und Menschlichkeit sind zwei voneinander untrennbare Dinge. Wir können nicht das eine davon akzeptieren und das andere vernachlässigen.

Der Widerspruch, der, wie wir behaupten, in verschiedenen wahrhaft humanistischen Schulen liegt, besteht darin, dass der Niedergang der Menschlichkeit, besonders durch eine Veränderung der ptolemäischen Astronomie, uns nicht an der erhabenen Stellung des Menschen als Ziel im Verlauf der Schöpfung zweifeln lassen sollte. Der Mensch ist das Ziel des Universums, ob die Erde das universale Zentrum ist oder nicht. Was bedeutet nun der Ausdruck "Ziel des Universums"? Er besagt, dass sich die Natur in ihrem evolutionären  Lauf in eine bestimmte Richtung bewegt, ob wir den Menschen als spontan erschaffen betrachten oder als eine Fortführung anderer Arten. Es macht für diesen Prozess keinen Unterschied, ob wir der Ansicht sind, dass er einen göttlichen Geist besitzt, oder nicht.

Gott spricht: "Wenn ich ... ihm meinen Geist eingehaucht habe..." [15:29]
 
Er hat nicht gesagt, der Mensch sei die Gattung Gottes. Wenn er gesagt hätte, die Substanz, aus der der Mensch erschaffen ist, stamme aus einer anderen Welt, dann wäre der Mensch ein erhabenes und heiliges Wesen. Denjenigen von Ihnen, deren Philosophie humanistisch ist, stellen wir die Frage: Gibt es im Menschen ein Gefühl, das als Wohltätigkeit, Güte oder Dienstbereitschaft bezeichnet werden kann, oder nicht? Wenn Sie sagen, dass es so etwas nicht gibt, dann wäre es ebenso sinnlos, dem Menschen eine solche Eigenschaft zuzuschreiben, wie ihn als Stein oder als Tier zu bezeichnen.

Der Mensch hat jedoch Gefühl. Was für ein Gefühl? Mancher sagt vielleicht, das Gefühl der Dienstbereitschaft sei eine Art Ersatz. Was bedeutet das? Wenn wir etwas erleben und unser humanistisches Gefühl angeblich erweckt wird, hinzugehen und die Unterdrückten zu beraten, ihnen zu dienen und sie zu retten, wird uns gesagt, dass wir, wenn wir tiefer darüber nachdenken, uns als Menschen in ihre Lage versetzen, indem wir uns zuerst vorstellen, sie gehörten unserer Gruppe an, oder unsere Gruppe sei mit ihnen verknüpft, und dann setzen wir uns an ihre Stelle. Danach wird das Gefühl des Eigeninteresses, das uns die Selbstverteidigung ermöglicht, erweckt, um die Unterdrückten zu verteidigen; ansonsten gibt es keine echtes Gefühl im Menschen, eine unterdrückte Person direkt zu verteidigen.

Die Schule der Menschlichkeit muss zunächst die Frage beantworten, ob ein solches Gefühl im Menschen existiert oder nicht. Wir antworten, dass es existiert, weil er zum Statthalter Gottes [4] ernannt worden ist, und als Manifestation der göttlichen Großzügigkeit und Güte. Das bedeutet, dass der Mensch, während er in seinem Eigennutz verpflichtet ist, für sein Überleben aktiv zu werden, doch nicht in der Gesamtheit seiner Existenz eigennützig ist. Der Mensch verfügt auch über Wohltätigkeit, Menschlichkeit, Aufbaufähigkeit für die Welt und ein moralisches Gewissen. Als ich vor einiger Zeit in Schiraz war, wurde ich einer Organisation vorgestellt, die sich als "Glückliche Organisation" bezeichnete und aus Individuen mit Gefühl und persönlichem Glauben und einer Gruppe von Taubstummen bestand. Ich besuchte eine ihrer Unterrichtsveranstaltungen. Für uns anspruchsvollen Leute wäre es erschöpfend, auch nur eine Stunde in einer solchen Klasse zu verbringen und sie und ihre eigenartige Zeichensprache zu beobachten. Ihr Lehrer zeigte viel Interesse und Sympathie für diese Kinder, obwohl sein Gehalt geringer war als das eines Grundschullehrers, denn dieser Organisation fehlten die Mittel. Er lehrte sie Schreiben und brachte ihnen mit viel Aufwand und Mühe die Bedeutung von Wörtern nahe. Was ist dieses Gefühl im Menschen?

Es ist die Manifestation der Menschlichkeit und ihrer Wahrhaftigkeit. Was ist im Allgemeinen das Lob für den Guten und die Abscheu vor dem Krankhaften, selbst wenn sie der fernen Vergangenheit zugehören? Wenn wir die Namen von Yazid und Pimr hören und uns an ihre Bosheit und Verbrechen erinnern, und wenn andererseits die Namen der Märtyrer von Kerbala erwähnt werden, dann haben wir ein Gefühl der Abscheu der ersten Gruppe gegenüber und ein Gefühl der Bewunderung und des Respekts gegenüber letzteren. Was ist der Grund dafür? Ist es ein Klassengefühl, das uns veranlasst, uns selbst als der Gruppe der Märtyrer von Kerbala zugehörig anzusehen und  Yazid und Pimr so zu verabscheuen, wie wir unsere Feinde verabscheuen?

Projizieren wir unsere Gefühle der Zuneigung und des Hasses auf die jeweilige Gruppe, während in Wirklichkeit beide mit uns verbunden sind? Wenn dies der Fall ist, dann ist die Person, die man als seinen Feind ansieht, nichts anderes als man selbst. Ihrerseits hat sie das Recht, diejenigen zu loben, die man verabscheut, und diejenigen zu hassen, die man lobt.

Im Gegensatz dazu kann man dies von einer anderen Perspektive aus betrachten, die nicht persönlich und individuell, sondern auf die ganze Menschheit bezogen ist, wo es nicht um persönliche Antipathie, sondern um die Wahrheit geht. Hier ist die eigene Verbindung zu den Märtyrern im Lob bzw. in der Abscheu gegenüber deren Feinden nicht persönlicher sondern allgemeiner und universaler Natur.

Die Schule der Menschlichkeit muss eine Antwort darauf geben, was diese Gefühle sind und woher sie stammen sowie auf solche Themenbereiche wie die ehrliche Liebe und Dankbarkeit des Menschen gegenüber jemanden, der ihm Gutes getan hat. Wenn die Echtheit der menschlichen Werte entdeckt wird, dann stellen sich auch die Fragen nach dem Menschen. Ist der Mensch, der diese wahren Qualitäten hat, dieselbe Person, von der der Materialismus spricht? Ist diese Person eine Maschine, ein Satellit? Eine Maschine, wie groß auch immer, ist nur groß. Wenn eine Maschine tausendmal größer als ein Raumschiff gebaut wird, was könnten wir dazu sagen? Wir könnten sagen, es sei groß, erstaunlich und außergewöhnlich, aber nicht edel oder heilig.

Selbst wenn es millionenfach größer wäre und aus einer Milliarde Einzelteilen bestehen würde, könnte es zwar als außergewöhnlich, nicht jedoch als edel, heilig oder verehrungswürdig bezeichnet werden. Wie können die Menschenrechtserklärung und die kommunistischen Philosophen, die die menschliche Wirklichkeit in verschiedener Form unterstützen, von inhärenter Würde und Heiligkeit  des Menschen sprechen, ohne Gottes Wort zu beachten, das besagt: "Wir hauchten ihm von unserem Geist ein"?

Wenn sie die Echtheit dieser Werte bestätigen, dann können sie die Echtheit des Menschen selbst bestätigen. Angenommen, wir erkennen diese Echtheit des Menschen: ist es lediglich der Mensch, der in diesem Universum existiert, das sich in unendlicher Dunkelheit befindet? Ist der Mensch, wie ein Europäer sagt, nur ein Schweißtropfen in einem Giftmeer, das zufällig erschaffen wurde?

Oder ist der Mensch ein Tropfen Süßwasser in einem süßen Ozean? Repräsentiert dieses kleine Licht das universelle Licht? Hier wird die  Beziehung der Echtheit des Menschen bei Gott deutlich, denn sie beide sind untrennbar. In dem Satz im Heiligen Qur'an: "Gott ist das Licht der Himmel und der Erde." [24:35] bezeichnet das Wort Gott nicht das, was Aristoteles Erste Ursache nennt, denn das ist etwas anderes als der Gott des Islam. Sein Gott ist dem Universum fremd und von ihm getrennt. Was jedoch den Gott des Islam betrifft, so gibt der Satz: "Er ist der Erste und der Letzte, der Innere und der Äußere" [57:3] wenn man ihn hört, gleich ein ganz anderes Weltbild wieder. Dann versteht man die Bedeutung aller echten Qualitäten in sich selbst und erkennt, dass es ein Ziel gibt. Man wird sehen, dass wenn man ein Lichtstrahl ist, eine ganze Welt von Licht existiert, und wenn man ein Tropfen Süßwasser ist, dann deswegen, weil ein unendlicher Ozean von Süßwasser existiert, und ein Strahl seines Lichts ist in jedem. Der Islam ist eine auf menschlichen Kriterien begründete humanistische Schule.

Nichts darin ist auf falscher Diskriminierung zwischen Menschen begründet. Im Islam existiert weder Land noch Rasse noch Blut noch Gebiet noch Sprache. Diese Dinge sind kein Beweis und Kriterium für einen Vorzug des Menschen. Das Kriterium im Islam sind jene menschlichen Werte. Wenn er diese Werte respektiert, liegt es daran, dass er an die Echtheit des Menschen und des Universums, d. h. an Gott, den Allmächtigen, glaubt. Darum ist der Islam die einzige humanistische Schule, die auf einer ordentlichen Logik begründet ist, und es gibt keine andere derartige Schule in der Welt.

  1. Vgl. Sure Fussilat, Vers 53; Sure al-Wariyat, Verse 20 und 21; Sure al-Baqara, Vers 29; Sure al-Hijr, Vers 9

  2. Vgl. al-Baqara, Vers 31

  3. Vgl. al-Baqara, Vers 32

  4. Vgl. Sure al-Pams, Vers 8

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