zurück
1. Die Kriterien der Menschlichkeit
Wenn wir die Frage nach den Kriterien der Menschlichkeit vom
biologischen Gesichtspunkt her erörtern würden, wäre es einfach, denn wir würden
uns mit dem menschlichen Körper und der Stellung des Menschen in der Tierwelt
befassen, und in diesem Falle gäbe es keinen Unterschied zwischen Individuen.
Nach den Maßstäben der Anatomie, Medizin und sogar in gewissem Maße der
Psychologie gibt es keinen größeren Unterschied zwischen zwei oder mehr
Individuen.
Ist aber die Menschlichkeit auf den Körper beschränkt? Ist menschliche
Vollkommenheit und Mobilität auf den physischen Aspekt des Menschen begrenzt? In
den humanistischen Wissenschaften ist vom vollkommenen und unvollkommenen
Menschen die Rede, von der niedrigen und der höheren Art. Welche Art von Mensch
ist aufgrund ihrer Vollkommenheit ethisch und gesellschaftlich des Respekts
würdig oder verdient aufgrund ihrer Unvollkommenheit Verachtung? Das ist ein
Thema, das nicht nur in den menschlichen Wissensbereichen die Aufmerksamkeit auf
sich gezogen hat, sondern auch in verschiedenen Religionen. Der Qur'an
beispielsweise spricht von Menschen, die höher stehen als Engel und der
Ehrerbietung letzterer würdig sind. Er erwähnt auch Menschen, die niedriger
stehen als Tiere.
Was sind die Kriterien, die die Unterschiede zwischen Menschen festlegen? Diese
Frage ist nicht nur mit der Religion verbunden. Auch materialistische
Philosophen, die nicht an Gott glauben und keine Religion haben, erörtern die
Fragen des Menschen, der Menschlichkeit und höherer und niedrigerer Wesen.
Was sind diesen Philosophen zufolge die Kriterien? Können wir sagen, dass
Menschen genetisch gleich sind, sich jedoch im Wissen unterscheiden, d. h. in
etwas, das erworben, nicht ererbt ist, so dass eine Person mit mehr Wissen höher
steht als jemand mit weniger Wissen? Bezieht sich dies auf akademisches Wissen,
das der Ebene und dem Stadium der Studien entsprechend Überlegenheit verleiht?
Respektieren wir Menschen nur im Maße ihrer Gelehrsamkeit? Wird Abu
Darr geehrt, weil er gelehrter war
als seine Zeitgenossen? Ist Muawiya
tadelnswert und abzulehnen, weil sein Wissen geringer war? Ich glaube nicht,
dass Gelehrsamkeit ein Kriterium für Menschlichkeit ist. Wenn dies der Fall
wäre, müssten wir sagen, dass Einstein am meisten mit den Qualitäten der
Menschlichkeit ausgestattet war, denn er war der gelehrteste Mensch seiner Zeit.
Einer anderen Ansicht gemäß genügt Wissen nicht, obwohl es ein Erfordernis der
Menschlichkeit ist und die Bedeutung des Bewusstseins vom Selbst, der
Gesellschaft und der Welt nicht zu leugnen ist. Dieser Sichtweise zufolge ist
Menschlichkeit an Charakter und Veranlagung zu messen. Eine Person mag sehr
gelehrt sein, wenn sie jedoch einen schlechten Charakter hat, wäre sie dann als
wirklicher Mensch anzusehen?
Ein Tier verhält sich seinen Instinkten gemäß und hat keinen Willen, der seine
Instinkte beherrscht. Wenn wir einen Hund als ein treues Tier bezeichnen, dann
ist seine Treue instinktiv. Eine Ameise ist instinktiv klug. Es gibt auf der
Welt auch Menschen, die Anlagen haben, die denen der Tiere ähneln. Sie besitzen
ihre natürlichen Instinkte, haben aber nichts getan, sie zu verfeinern und sind
dazu verurteilt, nur ihrer Natur zu folgen.
Das Bewusstsein eines Tieres ist auf seine eigene Zeit und seinen eigenen Ort
beschränkt, während es dem Menschen sein Bewusstsein erlaubt, die Vergangenheit
zu kennen und eine Zukunftsvorstellung zu haben sowie die Grenzen des eigenen
Lebensbereichs und sogar des eigenen Planeten zu überschreiten. Die Frage nach
dem Charakter ist jedoch eine ganz andere Angelegenheit. Wissen ist mit dem
verbunden, was gelehrt wird, während der Charakter mit Übung und der Ausbildung
von Gewohnheiten verbunden ist.
Ich glaube nicht, dass Wissen als Kriterium der Menschlichkeit annehmbar ist,
und ich werde später erläutern, welche Art von Menschen dies vertreten.
Die zweite Ansicht, d. h. Charakter als Kriterium für Menschlichkeit, hat mehr
Anhänger. Wir können jedoch fragen: Welche Art von Charaktereigenschaften und
Anlagen? Eine der Antworten auf diese Frage lautet, dass Liebe das erwünschte
Kriterium ist, Liebe, die die Mutter anderer schöner Anlagen ist. Wenn man also
seinen Charakter auf Menschenliebe aufbaut, besitzt man wirkliche
Menschlichkeit. Eine solche Person ist an anderen ebenso interessiert wie an
sich selbst wenn nicht sogar mehr.
In der Religion bezeichnet man dies als Selbstaufopferung. In einem Buch gibt es
die Aussage, dass in allen Religionen die Anweisung vorhanden ist, für andere
das zu lieben, was man für sich selbst liebt, und für sie das zu verabscheuen,
was man für sich selbst verabscheut. Dies wurde in unseren Überlieferungen
festgestellt. Dies ist die Logik der Liebe. Wie wir wissen, wird in den
hinduistischen Schulen und im Christentum die Nächstenliebe sehr betont. Sie
sind jedoch so weit gegangen, dass sie alles andere aus den Augen verloren haben
und darauf bestehen, dass Nächstenliebe unter allen Umständen die Handlungsweise
sein soll. Auf diese Weise ist die Liebe in diesen beiden Weltanschauungen eine
Art Betäubung, und die Angemessenheit der Nächstenliebe als Kriterium für
Menschlichkeit muss diskutiert werden.
Wenn wir allerdings die Liebe zu anderen Menschen als Kriterium akzeptieren, ist
das Problem leichter lösbar, als wenn wir Wissen als Kriterium akzeptieren.
Hinsichtlich unserer Vorliebe für Abu Darr
oder Muawiya
sind wir nämlich in einer besseren Ausgangslage, sie auf der Grundlage der Liebe
zu beurteilen. Muawiya
war ein eigennütziger und ehrgeiziger Mann, der andere gewaltsam ausnutzte. Abu
Darr war das Gegenteil, und obgleich
er alle Möglichkeiten hatte und Muawiya
sogar bereit war, ihm viele Privilegien einzuräumen, war er doch besorgt um das
Schicksal anderer, besonders derjenigen, die von Mu3awiya
unterdrückt wurden. Deswegen erhob er sich gegen diesen boshaften Mann und
verbrachte seine letzten Jahre im Exil, wo er starb. In diesem Sinne bezeichnen
wir Abu Darr
als menschlich, weil er andere liebte, und wir sehen Mu3awiya
als unmenschlich an, weil er nur an sich selbst interessiert war.
Oder warum meinen wir, dass Hadrat
Ali
(a.s.) ein vollkommener Mensch war?
Weil er den Schmerz der Gesellschaft spürte und sein „Ich“ zum „Wir“ geworden
war. Seine Persönlichkeit zog alle anderen an. Er war kein Individuum, das von
anderen getrennt war. Er war ein Teil oder Organ eines ganzen Körpers. Er selbst
sagte, dass sich Schmerz in einem Teil der Gesellschaft wie in einem Körper auch
in den anderen Teilen bemerkbar macht. Dies hatte Ali
erklärt, lange bevor die
humanistische Philosophie des 20. Jahrhunderts es als Ideal in Anspruch nahm.
Als er erfuhr, dass ein von ihm ernannter Gouverneur einem Festessen beigewohnt
hatte, schrieb er ihm einen Protestbrief, der in der Nahj-ul-Balagha
wiedergegeben ist. Es wird nicht erwähnt, um was für eine Art Festessen es sich
handelte, ob dort getrunken, getanzt oder gespielt wurde. Der Gouverneur war von
Hadrat
Ali
für schuldig befunden worden, weil er
an einem aristokratischen Festessen teilgenommen hatte, dem keine armen Leute
beiwohnten.
Er schreibt: „Ich hätte nie gedacht, dass einer meiner Gouverneure und Vertreter
ein solches Fest der Adligen besuchen würde.“ Dann beschreibt er seine eigene
Lebensweise und sagt, dass er den Schmerz anderer mehr als seinen eigenen spüre
und ihr Schmerz ihn daran hindere, seinen eigenen wahrzunehmen. Aus seinen
Worten geht hervor, dass er wirklich gelehrt und weise war. Dennoch liegt der
Grund für unsere tiefe Verehrung für ihn nicht in seinem umfassenden Wissen,
sondern darin, dass er menschlich war. Er war sich des Schicksals anderer sehr
bewusst.
Eine weitere Denkschule betrachtet Entschlossenheit und Willenskraft als
Kriterium für die Menschlichkeit. Sie behauptet, dass eine Person, wenn sie sich
selbst, ihre Instinkte, Nerven und Leidenschaften durch ihre Willenskraft und
Vernunft beherrschen kann und sich nicht von deren Neigungen und Wünschen
beherrschen lässt, wirklich menschlich ist.
Es gibt einen Unterschied zwischen Wunsch und Willen. Der Wunsch ist eine
Anziehung durch eine äußere Kraft, eine Beziehung zwischen dem Menschen und
äußeren Objekten, so wie z. B. ein Hungriger durch Nahrungsmittel angezogen
wird. Selbst Schlaf ist eine Anziehung, ebenso der Wunsch nach Rang und
Stellung. Entschlossenheit ist jedoch etwas Inneres, das aus den Zwängen der
Wünsche befreit. Sie stellt die Wünsche dem Willen zur Verfügung, der sie nach
seinem Ermessen benutzt. Die meisten Ethiker unserer Vergangenheit betonten
Entschlossenheit als Kriterium für die Menschlichkeit. Menschen können im
Gegensatz zu Tieren, die vom Instinkt geleitet werden, beschließen, gegen ihre
eigenen Neigungen zu handeln. Demnach ist eine entschlossene Person menschlicher
als eine, die das Selbst nicht beherrschen kann.
Ein weiteres Kriterium für Menschlichkeit ist Freiheit. Was bedeutet dies? Es
bedeutet, dass man in dem Maße menschlich ist, in dem man keine Gewalt erträgt,
sich nicht von einer Macht gefangen nehmen lässt und frei wählen kann. In
modernen Denkschulen wird Freiheit als ein Kriterium für Menschlichkeit sehr
betont. Ist diese Sichtweise richtig oder nicht? Sie ist sowohl richtig als auch
falsch. Als Erfordernis für Menschlichkeit ist sie richtig, aber als einziges
Kriterium für Menschlichkeit ist sie falsch. Der Islam hat Selbstkontrolle sehr
betont.
In diesem Zusammenhang möchte ich hier eine Geschichte wiedergeben. Es wird
berichtet, dass der Prophet (s.) einmal an einer Stelle in Medina vorbeikam,
wo ein paar junge Männer ihre Kräfte erprobten, indem sie einen schweren Stein
hoben. Als sie den Propheten (s.a.s.) erblickten, baten sie ihn, als
Schiedsrichter zu fungieren. Der Prophet (s.) war einverstanden, und am Ende
des Wettkampfes sagte er:
„Wisst ihr, wer der Stärkste ist? Es ist derjenige,
der seinen Zorn kontrolliert und sich davon nicht überwältigen lässt. Er darf
seinen Zorn nicht auf eine Weise einsetzen, die Gottes Wohlgefallen widerspricht
und soll in der Lage sein, seine eigenen Wünsche zu beherrschen.“
An jenem Tag
verwandelte der Prophet (s.) einen physischen Wettkampf in einen
spirituellen. Er meinte damit, dass physische Kraft zwar Mannhaftigkeit zeigt,
aber nicht das einzige Anzeichen dafür ist. Wirkliche Mannhaftigkeit ist die
Kraft des Willens.
Wir nennen Hadrat
Ali den „Löwen Gottes“, denn er war auf
zweierlei Weise mannhafter als andere: äußerlich in der Gesellschaft und auf dem
Schlachtfeld, wo er seine stärksten Gegner überwinden konnte, und, wichtiger als
dies, innerlich in dem Sinne, dass er sich selbst und alle seine Wünsche und
Regungen vollkommen unter Kontrolle hatte.
Jalaluddin
Rumi
erzählt in seinem Matnawi
eine Geschichte von Ali
als einem jungen Mann von 24 oder 25
Jahren, in der er ein schönes Bild seiner Mannhaftigkeit wiedergibt. In einem
Kampf hatte er seinen Gegner niedergeworfen und saß auf seiner Brust, bereit,
ihn zu töten. Da spuckte ihm der Mann ins Gesicht. Verärgert ließ Hadrat Ali
den Mann los und ging eine Weile
herum. Darauf fragte der Mann, warum er ihn losgelassen habe. Er antwortete:
„Wenn ich dich in jenem Augenblick getötet hätte, wäre es im Zorn geschehen,
nicht als Pflichterfüllung meinem Ziel gegenüber und um Gottes Willen.“
Dies ist
ein wunderbares Beispiel der Selbstkontrolle.
Hadrat
Ali sagt in seinem Testament zu seinem Sohn, Imam
Hasan
(a.s.):
„Betrachte dich selbst und dein Leben als über jede niedrige Tat
erhaben. Für das, was du aus deinem Leben für deine Begierden zahlst, bekommst
du nichts zurück. Mache dich nicht selbst zum Sklaven anderer, denn Gott hat
dich frei erschaffen.“
Die Frage der Entscheidungsfreiheit wird auch von der
Schule des Existentialismus als Kriterium für Menschlichkeit akzeptiert.
Ein weiteres Kriterium für die Menschlichkeit ist die Frage nach Pflichtgefühl
und Verantwortlichkeit, wie sie seit Kant gestellt und in unserer eigenen Zeit
betont wird. Dies bedeutet, sich für die Gesellschaft, sich selbst und die
Familie verantwortlich zu fühlen. Wie aber soll man dieses Gefühl erlangen, und
was ist seine Grundlage? Wird es im Gewissen geschaffen?
Eine weitere Denkschule, Platon eingeschlossen, sieht Schönheit als Kriterium
für die Menschlichkeit an. Alle Schulen akzeptieren und befürworten
Gerechtigkeit. Eine Schule befürwortet Gerechtigkeit von einem ethischen
Gesichtspunkt her; eine andere befürwortet sie, weil sie der Ansicht ist, dass
es eine Beziehung zwischen Gerechtigkeit und Freiheit gibt, während Platon
meint, Gerechtigkeit sei sowohl im Individuum als auch in der Gesellschaft gut,
weil sie zu Ausgewogenheit und Schönheit führt. Seine Vorstellung von Schönheit
ist allerdings offensichtlich spirituelle Schönheit.
Bei einer anderen Gelegenheit werden wir die Ansichten dieser
Schulen abwägen und eine Übersicht über die Ansichten des Islam zu diesen Fragen
geben.
weiter - In der
Schule der Menschlichkeit
nach oben
|